Muster oder Komposition?

Über die Aktualität von Grands Ensembles

Markus Peter im Gespräch mit Tibor Joanelly und Roland Züger

Schon in jungen Jahren haben Marcel Meili und Markus Peter Texte zur Vorfabrikation veröffentlicht. In den letzten drei Jahrzehnten haben sie sich mit mehreren Grosssiedlungen beschäftigt. Vor dem Hintergrund der Sanierungsstrategie zum Telli B und C haben wir Markus Peter zu einem Gespräch getroffen. Wir wollten wissen, was man von seiner Erfahrung lernen kann.

wbw Marcel Meili und Sie waren im Büro von Dolf Schnebli und Tobias Ammann an den Zentrumsbauten der Satellitenstadt Ruopigen bei Luzern (1962 – 87) als Mitarbeiter beschäftigt. Die entwerferischen Fragen nach dem konstruktiven Ausdruck eines Baus in schwerer Vorfabrikation sind in einem Text von Schnebli und einem von Meili in wbw 11 – 1985 gestellt. Ein Jahr zuvor haben Meili und Peter bereits einen Text zur schweren Vorfabrikation in Frankreich publiziert (archithese 4 – 1986). Woher rührt diese frühe Beschäftigung mit dem Thema?
Markus Peter
Wir waren damals konfrontiert mit einer spätmodernen Neustadtplanung, einem «Stadtfragment » wie es in wbw 12 – 1990 über die Zentrumsüberbauung Ruopigen hiess, dessen technologisches Erbe uns eine zunehmende Verselbständigung der äusseren Beton-Schale auferlegte. Mit wachsenden Dämmstärken driften die Schichten auseinander und der serielle Ausdruck verselbständigt sich. Bei den französischen Grands Ensembles der 1960er Jahre kann man erkennen, wie die Fassade zum grafischen Muster verkam. Uns hat die Frage beschäftigt: Wie findet man einen Ausdruck, der etwas mit der Serialität der Architektur zu tun hat und auch räumlich aussagekräftig ist? Kann man etwa ein Gebäude mit einem städtischen Massstab abschliessen, der über die Fassade hinausweist? In Ruopigen übt der zweigeschossige Dachkranz einen wichtigen Einfluss auf die Raumbildung aus.

Die Satellitenstadt Ruopigen ausserhalb von Luzern folgt dem Modell eines dichten Zentrums mit urbanem Flair. Was einst als Kritik an den Siedlungen gedacht war, ist jedoch selbst Fragment geblieben.
Bild: ETH Bibliothek Zürich / Stiftung Luftbild Schweiz / Swissair Photo AG

wbw Sie sprechen konkret von der städtebaulichen Fragestellung auf der Ebene der Architektur, der Ebene des Baukörpers. Es gab Anfang der 1990er Jahre dezidiert die Meinung, dass man nur die Architektur beherrschen könne: «Architektur contra Städtebau» hiess ein Leitspruch (Archplus 105 / 106 – 1990). Inwiefern war damals der übergeordnete städtebauliche Massstab für Sie von Interesse?
Peter
Ich versuche es mit einer Platitüde: Der Städtebau darf sich dem Räumlichen nicht entziehen. Ein Beispiel: Zur Raumbildung sind in der Siedlung Telli die Knicke der riesigen Terrassenberge das Allesentscheidende. Ihre minimalste Form der Raumdefinition und die Massstabssprünge von sieben zu neunzehn Geschossen verwandeln die endlosen Zeilen zum gefassten Raum. Dieser inspirierte die Leute auch zum Übernamen der «Staumauern». Die Logik der Winkel entspricht nicht der linearen Kranbahn, sondern ist eine räumliche. Im Laufe der damaligen Projektierung änderte sich der Winkel immer wieder leicht. Im Raum stehend, erfasst der Bewohner diese Wirkung sofort. Das Gegenteil ist in der Göhner-Siedlung «Sunnebüel» in Volketswil der Fall, die wir vor etwas mehr als 20 Jahren saniert haben. Dem Plan von Göhnerswil liegt nur ein Bebauungsmuster zugrunde, keine Figur. Das Muster weist nur eine Ausdehnung auf, kennt aber keine Zentrierung, keine Hierarchie.

Siedlung Sunnebüel in Volketswil, die einem repetierbaren städtebaulichen Muster folgt.
Bild: ETH Bibliothek Zürich / Stiftung Luftbild Schweiz / Swissair Photo AG

wbw Wessen geistiges Kind sind denn die Aussenräume des Telli?
Peter
Sie entstammen der französischen Tradition der Grands Ensembles. Diese betonen das Kollektive mittels einer stärkeren Hierarchisierung, einer Komposition. Das unterscheidet sie von der aufgelockerten Stadt, den Punkthäusern, den Zeilen- und Flachbauten. Die besten Beispiele stehen noch in der Tradition der Beaux-Arts-Schule, dem Entwerfen von Räumen und der Weigerung, mit abstrakten städtebaulichen Mustern zu operieren. Jean Dubuisson und Eugène Beaudouin, die mit der Cité Rotterdam in Strassburg 1951 – 53 ein erstes Projekt vorgelegt haben, verwendeten erstmals die Knicke, die wir von der Cité Le Lignon in Genf von George Addor, Jacques Bolliger, Dominique Juillard, Louis Payot (1962 – 71) kennen und die dann bei der Siedlung Telli wieder auftauchen; zusammen mit Pouillons Anlagen hat mich das bei unseren Recherchereise 1984 sehr stark beeindruckt.

Im Vergleich zur Siedlung Sunnebüel in Volketswil, die einem repetierbaren städtebaulichen Muster folgt, ist die Siedlung Le Lignon in Genf eine Komposition mit raumbildenden geknickten Zeilenbauten und Hochhäusern als Akzente.
Bild: ETH Bibliothek Zürich / Stiftung Luftbild Schweiz / Swissair Photo AG

wbw Und was ist zum Massstab des Telli zu sagen?
Peter Die Abtreppungen der bis zu 19 Geschoss hohen Riesen übernehmen ihr Motiv unzweifelhaft vom kolossalen Ferienkomplex La Grande Motte (1963 – 71) von Jean Balladur mit seiner an den Pyramiden inspirierten Form. Jürg Plangg, ein junger, talentierter Architekt im Team von Marti + Kast – den Architekten des Telli –, erzählte uns von ihren Reisen nach Frankreich, aber auch vom Schock des immensen Massstabs. In der Schweiz entstand in der Zeit des Wettbewerbs gerade Le Lignon. Erst in der Überarbeitung gelang es Marti + Kast, in Konkurrenz zur über 600 Meter langen geknickten Zeile von Emil Aeschbach die abgetreppten und gestaffelten Kuben ins Riesige und Schroffe zu übersteigern. Die fast ins Unendliche gesteigerte Wirkung einer stetig sich fortsetzenden Einförmigkeit, eines unendlichen Parallelismus rauer Durisolbeton-Elemente der Brüstungsbänder, unterscheidet sich in Vermögen und Ausdruck vom Städtebau der Additionen und Stapelungen von Wohneinheiten, wie wir sie exemplarisch in der Werkbundsiedlung in Adlikon von Walter Förderer und Peter Steiger (1968 – 73) oder auch in Otto Senns Wittigkofen in Bern (1961 – 80) kennen.
wbw
Kommen wir etwas genauer auf die Aussenräume des Telli zu sprechen, die ja die Grosszügigkeit der Siedlung sichern. Inwiefern sind sie typisch oder untypisch für ein Schweizer Selbstverständnis?
Peter Das Telli ist untypisch, weil in der Schweiz immer die Stadt der Siedlung dominant war, abnehmende Dichte zum Rand hin, mehrgeschossige Zeilen, keine öffentlichen Räume. Viele Grosssiedlungen verfügen über zu wenig räumlich-architektonische Kraft, um in der Landschaft als Ensemble zu wirken. Gerade beim Telli rahmen die Baukörper die Auenwälder der Aare und modellieren die Konturen der umliegenden Hügelketten nach. Zwischen den Zeilen liegen die kleinen Hügel als «konzentrierte« oder «geborgte LandLandschaft» des Landschaftsarchitekten Albert Zulauf.
wbw Abgesehen von der räumlichen Fassung wird vielen Grosssiedlungen nachgesagt, dass deren Zwischenräume schlecht programmiert sind und schlecht funktionieren.
Peter Das Erstaunliche am Telli ist, dass es allen Unkenrufen zum Trotz ein Quartier wurde. Es gibt sogar die Telli-Post, eine Zeitung, die seit 1974 zehnmal pro Jahr erscheint. In Volketswil gibt es das nicht, das ist Agglo pur. Im Telli wurden Einkaufen, Kindergärten, Schule, Spielplatz, Minigolf und Kleintierzoo realisiert. Das geht auf die Sonderbauvorschriften, den Richtplan und den Grundeigentümervertrag zurück. Die Infrastruktur ist komplett durchorganisiert, bis hin zum Einsammeln der verstreut abgestellten Einkaufswägeli am Morgen.
wbw Eigentlich ist das Modell der Telli-Siedlung sehr modern …
Peter Eine Mischung von Inselhaftigkeit und Service! Das Gegenteil einer Flucht in die Dorfidylle. Bis hin zur Typologie: Die innenliegende offene Küche war in dieser Zeit nur in der Wohnbauserie 70 in der DDR bekannt. Des Weiteren ermöglichte die Lage der Tiefgarage neben dem Gebäude eine funktionale Entflechtung und ist sehr vorausschauend: Direkte Zugänge sind möglich, die Lage der Treppenhäuser bleibt flexibel.
wbw Das Bausystem «Rastel-Granit» des Telli und die Innenausbauten mit Schränken und Küchen stammten alle aus der Vorfabrikation des Unternehmers Josef Wernle. In Ruopigen und Volketswil sind es ebenfalls Unternehmer wie die Firma Anliker und Ernst Göhner mit ihren Elementwerken, die die Projekte mitinitiiert haben. Ist das Bauunternehmen im Hintergrund typisch für die Schweiz?
Peter Sicherlich. Anders als in Frankreich wäre in der Schweiz eine umfassende staatliche Wohnbautätigkeit kaum denkbar gewesen. Vielmehr waren in den 1960er Jahren die meisten unserer Gemeinden mit grossen Planungen genauso überfordert wie heute. Doch in Aarau ging die Initiative für das Telli von Hans Marti aus, der eigentlichen Leitfigur der schweizerischen Landesplanung; er hat in der Aarauer Bauordnung 1959 erstmals Ausnützung und Überbauungsform und für das Telli eine Sonderzone festgelegt. Marti versuchte, eine erhöhte Dichte und das Freihalten von Flächen zu verbinden. Das führte zu einem Wettbewerb ohne Höhen- und Abstandsvorschriften – alle Regelwerke konnten im Telli selber definiert werden.
wbw Das Telli steht mitsamt Freiräumen unter Ensembleschutz. Was sind die Herausforderungen der energetischen Sanierung ?
Peter Es ist sehr anspruchsvoll, die Lebensdauer der Bauten der Hochkonjunktur zu verlängern. Im Gegensatz zu Le Lignon (vgl. wbw 11 – 2011), wo die Leichtbau-Fassade erhalten und ertüchtigt werden konnte, ist das beim Telli aufgrund seiner Konstruktion sehr viel komplizierter. Der Ortbeton beim Telli benötigt mehr Unterhalt als etwa die Göhner-Bauten in Volketswil mit ihren vorfabrizierten Beton-Sandwichfassaden. Schwierig ist in Aarau, dass Betonteile vom Warmen ins Kalte laufen und neue Brandschutz- und Erdbebennormen für Hochhäuser einzuhalten sind. Allerdings sind die Grundrisse dieses Schottentyps enorm beliebt, nicht zuletzt wegen der Terrassen.
wbw Welche Eingriffe werden trotz Denkmalschutz unternommen?
Peter Weil das Telli unter Ensembleschutz steht, sind wir mit einer weichen Formulierung des Schutzumfangs konfrontiert. Dank des SNBS-Labels (vgl. Kurztext S. 31) gibt es keinen Zwang zur kontrollierten Lüftung. Die Fenster weisen einzig Nachströmöffnungen auf. An der Ostseite bleiben die Betondecken samt Wärmebrücken bestehen. Wir planen, nur die Fenster – mit tieferen Leibungen – und die Westbalkone zu ersetzen. Dort wird es wieder eine Betonstruktur sein, der Ausdruck bleibt derselbe. Das Telli erhält eine neue Schicht, wie beim Tscharnergut in Bern, das Rolf Mühlethaler bearbeitet hat (vgl. S. 38). Zentral ist jedoch: Die Haustechnik muss neu verlegt, die Bauten an das städtische Fernwärmenetz angeschlossen werden.
wbw Das hat eine grosse Eingriffstiefe zur Folge.
Peter Die energetische Sanierung ist notwendig wegen der korrosionsgefährdeten Betonstrukturen und der mangelhaften Dämmwerte. Wichtig ist jedoch vor allem die sozialpolitische Frage: Wie gelingt eine wirtschaftliche Umsetzung der Sanierung, die für alle Beteiligten tragbar ist?
wbw Blicken wir in die Zukunft. Könnte eine Siedlung wie das Telli mit einer Ausnützungsziffer von 1.0 nicht auch ein Modell für die zukünftige Verdichtung sein: Wohnen in der Landschaft für alle?
Peter Beim Umbau unserer Städte – insbesondere auf den grossen Arealen – ist oft eine doppelt so hohe Ausnutzung gefragt. Der Landschaftsentwurf entfaltet sich meist innerhalb urbaner, selbst geschaffener Räume. Es gilt das, was Dieter Kienast «die dritte Natur der Stadt» genannt hat, in den Plan einzuarbeiten: Gärten und Parkanlagen, Aussenräume, Spiel-, Sportplätze und Verkehrsflächen.
wbw Ist Ihr Plädoyer für die Landschaft eine Kritik an Stadtmodellen wie in Ruopigen? Dort ist das dichte Zentrum mit gemischten Funktionen ein Kind der CIAM-Kritik nach dem Krieg mit dem Versprechen von einem starken Herz der Stadt?
Peter In dem Moment, in dem das «Bauen von Landschaft» in einen umfassenderen Landschaftsbegriff übergeht, können wir sagen, dass wir uns auf dem Weg zu einer flächendeckenden urbanen Kultur befinden. Sind in Zürich nicht das Seeufer und der Limmatraum öffentlichere Räume als die Plätze?
wbw Was verbleibt von der Kritik an der Gleichförmigkeit und fehlenden Identität in Grosssiedlungen, wie sie heute noch nachhallt, angesichts fehlender Vielfalt in der Nutzung und den Wohngrundrissen?
Peter Ein abgeschlossenes Ganzes zu entwerfen, Grossformen zu suchen, steht doch keinesfalls der Vielfalt gegenüber. Ich meine aber nicht «holländische Vielfalt»: semantische Anhäufungen, Verkettungen und Applikation unterschiedlichster Architekturstile vor einer gleichförmigen Baustruktur.
wbw Wir sind dieser Art von Architektur gegenüber auch kritisch eingestellt. Sehen Sie also für die grossen Strukturen wieder Chancen?
Peter In den nächsten Jahren werden wir uns in den Urbanisierungsprozessen zunehmend auf Entwicklungsfelder begeben müssen, die sich nicht mehr entlang oder aus den bestehenden Strukturen heraus entwickeln. Was Albert Heinrich Steiner mit seinen weitreichenden Festlegungen von Freihalte- und Wohnzonen, durchsetzt mit öffentlichen Bauten, beispielhaft vermochte, ist in Zürich zu einem strukturellen Rückgrat geworden, das andernorts meist fehlt. Das stellt die Frage der Planung neu: In einer Drehung eines Aphorismus von Nietzsche müssen wir sagen: Nicht mehr «wo alles noch ungestaltet liegt», sondern, «wo alles schon gestaltet liegt, da ist  unser Arbeitsfeld für menschliche Zukunft!»

Markus Peter (1957) ist Architekt und führt seit 1987 ein Büro mit Marcel Meili sowie seit 2016 das Büro Meili, Peter & Partner zusammen mit Patrick Rinderknecht und Alice Hucker in Zürich. Er ist seit 2002 Professor für Architektur und Konstruktion an der ETH Zürich.

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