Festliche Scheune

Schule in Orsonnens FR von TEd’A und Rapin Saiz

Steffen Hägele, Luis Díaz Díaz (Bilder)

Mit übergrossen Schindeln, floralen Ornamenten und der spektakulären hohen Halle zitiert das Schulhaus im freiburgischen Mittelland die Architektur ländlicher Scheunen. Doch auch die Villa der Renaissance und das räumliche Denken Kazuo Shinoharas standen Pate.

Man könnte erwarten, dass Codewörter in Architekturwettbewerben in Eile und mit wenig Bedeutungstiefe entstehen. Bei der neuen Schule in Orsonnens von TEd’A arquitectes allerdings prangt das Siegerkennwort des offenen Projektwettbewerbs von 2014 nun in Form goldener Buchstaben als Name auf dem fertigen Bauwerk: Grangécole, die Scheunenschule. Die Architekten mit Sitz in Palma de Mallorca beziehen sich offensiv auf lokale Spielarten des ländlichen Bauens im Freiburger Umland wie etwa die Scheunen mit Holzkonstruktionen und Schindelverkleidungen. Im Projektbeschrieb wird eine direkte Analogie zur lokalen Bautradition mit entsprechenden Bildern «belegt». Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung diese Art Referenzialität hat – beim Entwerfen, vor allem aber für das realisierte Werk.

«Schindeln» aus Dreischichtplatte: zwischen Biberschwanz und Wappenscheibe. Massive Granitsäulen markieren Horizonte. Bild: Luis Díaz Díaz

Beherrschende Lage

Die Schule steht weit vorgerückt am nördlichen Dorfrand auf einem Geländevorsprung über dem Flüsschen Neirigue, welches sich durch die Molassehügel im Freiburger Mittelland schlängelt. Der kubische Neubau schiebt sich hinaus in die Wiesen und artikuliert eine selbstbewusste Haltung zur Urbanisierung der Landschaft. Mit ihrer Setzung knüpft die Schule an den beherrschenden Landschaftsbezug italienischer Renaissancevillen an, bei denen das Gebäude auf die umliegende Umgebung ausstrahlt und umgekehrt den Charakter der Landschaft in sich trägt. Mit ihrem quadratischen, mehr als doppelt so breiten wie hohen Baukörper und den lagernden Proportionen nimmt die Schule eine typische Eigenart der Landschaft im Mittelland in sich auf: den weiten Horizont. Zugleich verleiht ihr die prominente Position an der Geländekante eine weithin sichtbare Präsenz als wichtiges öffentliches Gebäude der Gemeinde. Wurden in der Renaissance die feudalen Herrschaftsverhältnisse repräsentiert, manifestiert der prominente Neubau heute die gleichberechtigte Bildung auch abseits der Metropolen.

Ein Gewerbebau, die am Dorfrand dem Wetter trotzt? Oder eine Renaissance-Villa? Das neue Schulhaus ist von weit her sichtbar.

Vorposten der Verstädterung

Das Verhältnis zwischen Stadt und Landschaft ist wie in der ganzen Schweiz ambivalent: Die Hügel um Orsonnens blieben zwar bislang verschont vom Zersiedelungswildwuchs. Dennoch entwickelt sich die Gemeinde zunehmend zum Pendlerort in Richtung Fribourg und Romont. Die bäuerliche Landschaft wird immer mehr zur Projektion der urbanisiert lebenden Bewohnerschaft. Der ländliche Kontext ist konfrontiert mit einer neuen Lebensrealität – die wiederum den Schulhausneubau nötig machte. Insofern steht die Schule sinnbildich für einen Urbanisierungsprozess, dessen Vorboten auch die Renaissancevilla darstellte: Fern von der Stadt und doch in Abhängigkeit zu dieser mit städtischem Lebensstil bewohnt. Auch wenn die Architekten argumentativ und (vor allem) bildhaft an Scheunen anknüpfen, stellt ihre realisierte Schule in diesem Kontext einen eindrucksvollen, optimistischen Mediator im Spannungsfeld von Stadt und Land dar.
Im Gegensatz zu vielen Villen sitzt die Schule nicht auf einem beherrschenden Sockel, sondern sanft und direkt in der Wiese. Die volumetrische Strenge des Kubus wird von den Architekten durch situative Unregelmässigkeiten relativiert und den lokalen Begebenheiten angepasst: Das flache, asymmetrisch verschobene Zeltdach ist je nach Standort des Betrachters als kleiner Giebel an der Fassade sichtbar, oder es verschwindet hinter der Traufe, sodass man eingangsseitig vor einem vermeintlich reinen Kubus anlangt. Dank präzisen Modulationen wie der über Eck offenen, gedeckten Pausenhalle verkümmert der quadratische Baukörper nie zu einer minimalistischen Swiss Box.

Mit Schindeln verkleidetes Holzhaus als typische Referenz der Gegend. Bild: TEd\\\\\\'A

Ländlich und festlich

Die drei Sphären Betonsockel, Holzfassade als Mittelteil und Kupferdach als Abschluss sind nicht schematisch gestapelt, sondern miteinander verwoben. Rhythmus und Tonalität von Beton, Kupfer und Holz-Schindeln aus Dreischichtplatten sind aneinander angeglichen, und die Sockellinie springt in der Höhe: Beton- und Holzelemente verzahnen sich. Auch die vertikale Gliederung beginnt als Schattenfuge im Beton und setzt sich als vertikale Lisene im Mittelteil fort.
Die Hierarchie zwischen horizontalen und vertikalen Fassadenelementen verändert sich im Zusammenspiel der verschiedenen Bauteile permanent: Mal werden die horizontalen Bänder von nach unten gerückten Fenstern unterbrochen, mal sind auf die Holzlisenen markante Regenfallrohre aufgedoppelt. Insgesamt entsteht so auf jeder Fassadenseite eine eigene figürliche Qualität.
Der Ausdruck der Schule schafft eine erstaunliche Symbiose: Einerseits knüpfen die Materialien in Kombination mit einer handwerklichen Detaillierung an ländliche Elemente an, andererseits ist die Gesamterscheinung durchaus festlich und auf eine freundliche Art repräsentativ.

Gedeckter Pausenplatz als Auftakt für die Raumsequenz. Bild: Luis Díaz Díaz

Inszenierung in Holz

Beim Nähertreten macht den Auftakt ein kreisrunder Pausenplatz, der wie eine kleine Arena von Sitzbänken umringt ist. Von hier aus ist die Holzfassade gerade soweit hoch gezogen, dass man in das Volumen eintreten kann. Zunächst erreicht man eine schummrige, luftige Zwischenzone: ein erhabenes Raumerlebnis und ein grossartiger gedeckter Pausenbereich. Wuchtige Brettstapelträger sind als Schürze wie in einer Garage weit hinabgezogen und lenken den Blick in die Ferne. Zwei scharfkantige, versetzte Steinstapel stehen in der räumlichen Fuge vor der Landschaft und inszenieren ein manieristisch-schauriges Tragen – sind sie die Säulenreste einer Ruine oder abstrakte Bildhauerei?
Man betritt die Schule in der Diagonalen. Eingangsseitig gibt es keine Achsensymmetrie oder repräsentative Frontalität. Das Gebäude entwickelt sich über Eck: sowohl in der Fassade, als auch im Inneren. Typologisch setzt die Schule die kubische Setzung um in eine windmühlenartige Rotation der Klassenzimmer um die zentrale Halle. Damit reiht sie sich in die Genealogie prismatischer Schulen ein, wie Paspels von Valerio Olgiati. Zwischen die regelmässig angeordneten Haupträume schieben sich übers Kreuz Nebenräume, Vertikalerschliessung und überhohe Bereiche der Klassenzimmer als lokale Störungen, die vielgestaltige Durchblicke erlauben.

Obsessive Entwerfer

Dreh- und Angelpunkt ist die schmale und hohe Halle als räumliche und soziale Mitte. Ihre Hauptausrichtung zieht nach oben und folgt dem schier endlosen Stützenquartett, das sich oben unter dem Dach auffächert und als Raumskulptur die Lukarne trägt. Die über den Primärträgern deutlich höher gesetzten Podestplatten aus Beton wirken wie schwebende Plattformen. In den oberen zwei Geschossen kragen sie in die Halle aus und sind als offene Zweidrittelkreise zueinander versetzt ausgeschnitten. Die dramatische Vertikalität erinnert an ein Shakespearetheater – im Kontrast zur dominanten Horizontalen der Träger.
Die Raumerfahrung grenzt ans Sakrale, und die sich überlagernden, raumgreifenden Tragsysteme wären ohne Kazuo Shinohara nicht zu denken (vgl. wbw 12 – 2014). Vor allem aber handelt es sich um einen wahrlich gemeinschaftlichen Raum. Wie der Schulalltag hier seinen Mittelpunkt finden kann, bewiesen die Festivitäten zur Einweihung und die herzförmigen Grusskarten, mit denen die Kinder die Brüstungen schmückten.
Die Klassenzimmer sind vollständig in Holz ausgeführt: In die Wände sind nach Bedarf Schränke eingelassen, darüber laufen als Kranz die horizontalen Träger, auf denen eine Balkenlage als Decke liegt. Der Raumcharakter steht auf der Kippe zum Urchigen. Die grossmassstäbliche Primärstruktur verleiht dem Raum in Kombination mit der Befensterung aber die nötige Weite. Die Fenster liegen mal als grossflächiges, gerahmtes Panorama auf der äussersten Ebene der Fassade, mal als schmale, strukturelle Störung zwischen den Lisenen nach innen gerückt. Die einen inszenieren die Aussicht auf die Hügellandschaft und den Jurakamm, die anderen wecken Assoziationen an zugige Fugen in der Holzverkleidung eines Stalls: nicht Villa oder Scheune, sondern beides.
Der Entwurf von TEd’A arquitectes widersetzt sich der architektonischen Eindeutigkeit. Die resultierende Vieldeutigkeit ist dabei keinesfalls gleichbedeutend mit mangelnder Integrität. Im Gegenteil: Das Schulhaus findet gerade durch seine vielstimmige Architektur zu einer wesentlich angemesseneren architektonischen Einheit, als es durch konsequente Konstruktion und formale Strenge möglich wäre.
Die Arbeitsweise der mallorquinischen Architekten ist stets von exzessiven Material-, Konstruktions- und Raumstudien begleitet. Vor allem bei ihren Umbauten arbeiten sie mit den Spuren der Zeit. Diesen begegnen sie mit einer frischen Handwerklichkeit, die von intensiven Kollaborationen lebt. Immer geht ihre Architektur vom Keller bis zum Schornstein; alles ist entworfen und obsessiv bearbeitet. Gleichzeitig entstehen offene, atmende Werke. Die Vielgestaltigkeit und Spezifizität der Details führt zu einer Gleichberechtigung der architektonischen Elemente, die sich nicht einem allumfassenden Thema unterordnen, sondern im richtigen Mass ein Eigenleben entwickeln. Wann wird dieses Vorgehen anekdotisch? Die von den Architekten genannten ländlichen Referenzen erscheinen mehr als Initialimpuls fürs Entwerfen und als griffige Argumente im Wettbewerb und vor der Gemeinde, im Sinne einer linearen Begründbarkeit. Das realisierte Gebäude hingegen widersetzt sich einem analogen Schematismus: Aufgrund der lebensbejahenden Komplexität sowie des architektonischen Reichtums spielt die Schule in einer höheren Liga, als es sich unter dem griffigen, aber schlussendlich reduktionistischen Slogan Grangécole subsumieren liesse.
Vielmehr schaffen die Architekten einen fulminanten Spagat zwischen Serialität und Figürlichkeit, ohne in die Falle des naiv Spielerischen und formal Beliebigen zu treten. So entsteht eine Architektur, die auf bemerkenswerte Weise der Aufgabe «Schule» angemessen erscheint und – soweit bekannt – die Gemeinde, die Schüler und die Lehrpersonen im Gebrauch begeistert.

Die Struktur produziert Raum à la Kazuo Shinohara.
Bild: Luis Díaz Díaz

Steffen Hägele ist Architekt. Gemeinsam mit Tina Küng führt er das Architekturbüro DU Studio in Zürich. Zudem betätigt er sich als freier Architekturkritiker und unterrichtete mit Made In an der Accademia in Mendrisio und mit Lütjens & Padmanabhan Architekten an der EPF Lausanne.

Anzeige

Lesen Sie werk, bauen + wohnen im Abo und verpassen Sie keine Ausgabe oder bestellen Sie diese Einzelausgabe