Architektur ist ganzheitlich

Unsere Rolle ist es, die Fachgebietsgrenzen zu sprengen

Raphael Frei, pool Architekten

Verbindet die Disziplinen! Denn ohne das Wissen um Zusammenhänge droht eine Fragmentierung, die das Metier als Gesamtes in Frage stellt. Jedes Bauwerk steht im Kräftefeld von klimatischen, wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Faktoren für eine explizite Haltung seiner Ersteller. Für die Wahl der zur Verfügung stehenden Ressourcen gibt es heute jedoch keine eindeutigen und verbindlichen Regeln. In diesem fehlenden Konsens ist die aktuelle Nachhaltigkeitsdiskussion auch eine Chance für das Bauen, weil sie den Blick aufs Ganze lenkt und Diskurs liefert. Hier helfen uns weder die einfachen, rezepthaften Lösungen der Bauindustrie noch eine rein ästhetisch-stilistische Herangehensweise. Unser Handwerk ist die Recherche um das Ineinandergreifen von technischen und kulturellen Faktoren.

Die Energie- und Klimathematik hat uns bei pool interessanterweise näher ans Material geführt. Begriffe wie «Graue Energie» und «Lebenszykluskosten», die in der Nachhaltigkeitsdiskussion fallen, liegen viel näher der Architektur, als es im ersten Moment den Anschein macht. Denn mit den Parametern, die diese umschreiben, gewinnen die Qualität des Baumaterials und die Robustheit der Konstruktion an Bedeutung, was es erlaubt, unter der sichtbaren Oberfläche auch auf Aufbau und Struktur eines Bauwerks einzuwirken. Mittlerweile sind auch erste Bauträger bereit, in diese Diskussion einzusteigen und unverrückbar geglaubte Konventionen zu hinterfragen.

Die Siedlungsentwicklung nach innen und ein schonender Umgang mit Natur und Landschaft sind offizielle Strategien gegen den Klimawandel. Sie schaffen Leitplanken und Grenzwerte, die in der Überlagerung zu kaum zu erfüllenden Anforderungen führen. Wir Architekten haben uns zu lange als Problemlöser verstanden. Unsere Rolle ist es aber, die Fachgebietsgrenzen zu sprengen. Um Einfluss auf die Fragestellungen zu nehmen, müssen wir viel früher ansetzen. Wir müssen uns in gesellschaftspolitische und technische Diskussionen einmischen, bevor die Systemgrenzen zu eng gesetzt sind. Es braucht Spielräume für gute Architektur, aber auch für zukunftsfähige Lösungen in der Klimafrage. Wenn nur jeder zehnte Architekt sich engagieren würde, wären wir weiter mit beidem.

Die Auseinandersetzung mit einer klimagerechten Architektur führt Architekturschaffende näher ans Material, zwingt zu konzeptionellem Denken und konsequentem Konstruieren.
Wohnhaus Badenerstrasse, pool Architekten
2010. Bild: Giuseppe Miccichè

Raphael Frei (1965) ist Architekt und Partner von pool Architekten in Zürich. Wohnungsbau und städtebauliche Planungen bis hin zu Gestaltungs- und Richtplänen bilden den Kern seiner Tätigkeit. Von 2010–12 war Raphael Frei Gastdozent an der ETH Zürich und von 2013–16 Gastprofessor an der TU Berlin. Er vertritt den BSA in der Fachkommission des SNBS (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz).

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