Freie Sicht aufs Nebelmeer

Bürgerspital Solothurn von Silvia Gmür Reto Gmür Architekten

Jenny Keller, Ralph Feiner (Bilder)

Ein Spital verspricht Hilfe, aber es kann einen auch hilflos zurücklassen. Anders das neue Spital in Solothurn. Seine Architektur orientiert sich am menschlichen Massstab und an Erkenntnissen des «Evidence-based Design».

Das Traurigste seien die Raucher vor dem Spital, singt die britische Band Editors.1 Den Arm am Tropf, in verbeulter Freizeitkleidung und mit flachgedrückter Frisur stehen sie in der Kälte und ziehen an einem Stück Normalität, die sie mit dem Eintritt in das Spital zusammen mit dem Mantel abgelegt haben. Wer in ein Spital muss, kann nicht mehr frei über sich und seinen Körper bestimmen, er ist der Gesundheitsmaschinerie weitgehend ausgeliefert. Welche Räume ihn im Spital erwarten, ist wichtig für das Wohlbefinden und hat wesentlichen Einfluss auf die Genesung. Das zeigt empirische Forschung.2

«Tageslicht, klare Orientierung und eine angenehme Atmosphäre» machen ein gutes Spital, fasst Reto Gmür die Lehren zusammen. Weder der Geruch von Desinfektionsmittel und Verzweiflung, gestressten Ärzten und Pflegenden noch quietschende Gesundheitsschuhe in endlos langen Korridoren in Kunstlicht sollen deshalb die Patienten im Spital Solothurn erwarten. Von der positiven Wirkung einer Spitallandschaft, die Vertrauen erweckt, gingen Silvia Gmür Reto Gmür Architekten aus, als sie vor 13 Jahren den Wettbewerb für Solothurn zeichneten. Der Neubau des Bürgerspitals ersetzt ein Hochhaus mit unwirtschaftlichen Bettenstationen aus den 1970er Jahren, das demnächst rückgebaut wird, um der zweiten Bauetappe und dem neuen Haupteingang Platz zu machen.

Die Brise-Soleil prägen die Gestalt des Bettentraktes und verweisen nur auf sich selbst: Ihre Aufgabe ist die Beschattung der Zimmer bei uneingeschränkter Sicht.
Bild: Ralph Feiner

Das Architekturbüro aus Basel ist seit über 30 Jahren im Spitalbau tätig (vgl. zum Beispiel wbw 5 – 2004: «Umfassende Reinheit: Erweiterung Kantonsspital Basel von Silvia Gmür und Livio Vacchini»). Trotzdem – oder deswegen – hat es hier den Spitalbau gründlich hinterfragt. Neben den Sachzwängen der maximalen Flexibilität in einem hochtechnisierten Umfeld, das sich rasant schnell verändert, prozessgesteuert ist und wirtschaftlich sein muss, ging es um die Frage, was ein gutes Spital ausmache: «ein Spital für den Menschen, nicht nur für die Patienten, auch für die Mitarbeitenden», ist Reto Gmürs Antwort. Entworfen wurde eine Umgebung, in der sich die Nutzer wohlfühlen sollen, um einerseits möglichst gut zu arbeiten und anderseits schnell gesund zu werden: eine Healing Architecture also, die sich Erkenntnissen des Evidence-based Design bedient. Diese junge Forschungsmethode zeigte zu Beginn der 1980er Jahre mit qualitativen und quantitativen Studien auf, dass die räumliche Umgebung wesentlich zur Genesung von Patienten beiträgt. Als Pionierstudie gilt diejenige von Roger S. Ulrich.3 Im deutschsprachigen Raum wird selten zu Evidence-based Design geforscht, sodass eine schlüssige Übersetzung des Begriffs Not tut. Umso mehr fühlen sich Mediziner abgeholt, die ihrerseits von Evidence-based Medicine sprechen, wenn sie ihre Arbeitsweise beschreiben, die darauf fusst, dass neue Therapieformen wissenschaftlicher Studien benötigen, die beweisen, dass bessere Heilungschancen zu erwarten sind.

Erwiesenermassen stehen Stress und unser Wohlbefinden in einem Zusammenhang. Die Forschung sieht Stress als den wichtigsten Faktor, der den Gesundheitszustand negativ beeinflusst. Stress hat viele Gesichter und ist subjektiv, doch gerade in Spitälern gibt es Stressauslöser, die Forschende im Bereich Evidence-based Design explizit benennen: Die angsteinflössende Ungewissheit beim Warten, schlechte Akustik von abwaschbaren, glatten Oberflächen, chemische Gerüche, grelles Licht, und eine unübersichtliche Wegführung.4 Die Raucher vor dem Spital schaden zwar objektiv ihrer Gesundheit, aber sie reduzieren dabei ihr subjektives Stresslevel. Auch die Gestaltung von Räumen kann eine stressreduzierende Wirkung haben, in Solothurn zeigt sich das in der Verbindung zur Natur und dem Tageslicht, an der Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen sowie an einer abwechslungsreichen Raumgestaltung.

Gebogene und gekrümmte Alulamellen als Einsichtsschutz der Räume um den begrünten Doppelhof im tieferen Behandlungstrakt.
Bild: Ralph Feiner

Von aussen definieren den Bau – ein hohes, längliches Sockelgeschoss mit würfelförmigem Aufbau – die Brise-Soleil aus vorgefertigten weissen Betonelementen, sie sind Teil des Verdunklungssystems, das von innen nach aussen entwickelt wurde. Sie wirken je nach Blickwinkel wehrhaft, etwas abweisend und man versteht ihre sichtbare Konsequenz erst, wenn man die Zimmer näher betrachtet (davon später).

Im vierten bis siebten Obergeschoss des Bürgerspitals Solothurn befinden sich die 139 Patientenzimmer in einem Kranz an der Fassade, unterbrochen von zwei schräg platzierten Erschliessungszonen für die Vertikale. Ein weiter Flur, natürlich belichtet, führt wie ein Kreuzgang um die beiden stattlichen Lichthöfe und die Stationskerne, die so ebenfalls am Tageslicht sind. An drei Enden mündet er in Wartezonen an der Aussenfassade. Als effiziente Doppelstationen konzipiert, können zweimal rund 20 Zimmer in der Nacht von einem Team auf kurzen Wegen bedient werden.

Die Zimmer sind als längliche Zweibettzimmer angelegt. Dabei bedienen sich die Architekten eines einfachen, aber durchaus wirkungsvollen Drehs im Layout, das mit den schräggestellten Erschliessungskernen verwandt ist, die den Sockel definieren: Beide Patientinnen oder Patienten haben beste Sicht aus dem Fenster, einmal frontal, einmal lateral, im schönsten Fall auf die begrünten Hügel oder die Stadt, manchmal auch nur aufs Nebelmeer. Statt parallel zueinander stehen die Betten um etwas mehr als 90 Grad gedreht, wobei das Bett beim Fenster (sonst das «gute» Bett) quer zum hinteren Bett an der leicht angewinkelten Längswand steht. Am nächsten kommen sich so die Füsse, und auch die sind noch stattlich weit voneinander entfernt. Die Verbindung zur heilenden Natur und der Wunsch nach Privatsphäre kommen so auf elegante Weise zusammen.

An den Zimmern kann auch ein Prozess dargestellt werden, der beim Bau dieses Spitals von Wichtigkeit war: In zahlreichen Sitzungen konnten der Betreiber sowie Delegationen der Ärzte und der Pflegeteams ihre Wünsche für die Gestaltung anbringen. Das Zimmer-Layout wurde anhand der Pläne nicht sofort verstanden, weshalb das Hochbauamt ein 1:1-Holz-Modell anfertigen liess, um die letzte Skepsis zum Verschwinden zu bringen. Wo sich Ärztinnen und Pflegende wohl fühlen, leisten sie bestmögliche Arbeit – das hilft mehr als ein gelegentlicher Applaus während strengen Zeiten.

Die beiden anderen Höfe sind mit Kunst bespielt und sorgen für Tageslicht und bessere Orientierung auf dem Weg durchs Spital.
Bild: Ralph Feiner

Spitalbau ist immer auch politisch, und mit der freien Spitalwahl hat die Materialisierung zu tun: Nussbaumparkett und Einbauten sind die Wahl in der Abteilung für Zusatzversicherte, während die Zimmer der allgemeinen Abteilung über Eichenholzparkett verfügen. Vorhänge mit bunten Farbstreifen bilden mit der festen Verglasung (mit zwei Lüftungsflügeln) und den Brise-Soleil das Verdunklungssystem: Damit jede Patientin jederzeit die beste Aussicht geniesst, ohne technische Bevormundung durch eine automatisch gesteuerte Rafflamelle, verschatten serielle Brise-Soleil die Patientenzimmer. Von innen gesehen befindet sich ein Element mit 70 Zentimetern auf Tischhöhe, das nächste auf 2,26 Meter, sodass  der Blick nach aussen nie beeinträchtigt wird.

Bunte Möbel und das Holz der Technikleiste hinter dem Bett verleihen den Zimmern Wohnlichkeit, unterstrichen durch die rosafarbenen Nasszellen. Für die Farbgestaltung des gesamten Hauses zeichnet der Künstler Gido Wiederkehr verantwortlich, der sich im Haus von unten nach oben einer Farbpalette von grün-blau bis rot-orange-pink bediente. Für Reto Gmür spielt die nicht stereotype Gestaltung insbesondere der Patientenzimmer eine grosse Rolle in der Beurteilung des Spitals durch die Kundinnen und Kunden, also die Patienten: «Während die Medizin abstrakter und schwieriger zu verstehen wird, lassen sich der Komfort und das Design eines Zimmers beurteilen», sagt er.

Die warmen Farben charakterisieren die oberen Stockwerke mit den Bettentrakten. Aus den Zimmern hat man allseits beste Aussicht auf die heilende Natur.
Bild: Ralph Feiner

Ein grosser Teil seiner Zeit verbringt der Patient in einem Akutspital mit Warten vor Untersuchungen, das soll in Solothurn bei den Höfen am Licht geschehen – mit Blick auf Kunst. In den beiden Einzelhöfen sieht man Werke des Künstlerduos Lang / Baumann, respektive von Katja Schenker, die alle Abhängigkeiten thematisieren, mit Wind und Wasser arbeiten und dynamisch sind. Wie die natürliche Lichtführung in den aussen angeordneten Besucher und Patientenkorridoren, deren Länge durch die Schrägstellung der Erschliessungskerne gebrochen wird, verleihen sie dem Spital Identität, Abwechslung und Lebendigkeit. So auch die bunten Interventionen von Gido Wiederkehr, die sich in den Fluren des Sockelgeschosses hinter eher kalten, aber hygienischen Glaspanelen befinden, die zugleich auch als Rammschutz fungieren.

Medizintechnische Neuerungen jagen sich, flexible Raumaufteilungen sind in einem Spital ein Muss. In Solothurn sorgt dafür ein Betonskelett mit Stützenraster von 8 Meter 40. Die hohen Lasten und grossen Spannweiten trägt vorgespannter konventioneller Beton, in der zweiten Etappe wird vermehrt Recyclingbeton eingesetzt werden.

Besucher und Angestellte (neben den Ärztinnen und Pflegern auch der Hausdienst und das Catering) bewegen sich im Sockelgeschoss auf getrennten Wegen, die Patienten sind dort entlang der Fassade an der Nord- und Südseite des Untersuchungs- und Behandlungstraktes unterwegs. Die Erschliessung an den Fassaden bedingt auch, dass man innen im Bereich der Untersuchungsräume und Operationssäle auf fast 5 500 Quadratmetern maximal flexibel ist für sich verändernde oder dereinst wechselnde Nutzungen. Informelle Lounge-Bereiche für das Personal sind ebenfalls in den Raumausweitungen der Korridore vorgesehen, wo die Belegschaft verschnaufen – und über die Patienten reden kann, die trotz ihrer schönen Zimmer schon wieder draussen stehen und rauchen.

Die beiden anderen Höfe sind mit Kunst bespielt und sorgen für Tageslicht und bessere Orientierung auf dem Weg durchs Spital.
Bild: Ralph Feiner

1 Editors, «Smokers Outside The Hospital Doors» auf An End Has A Start, 2007.
2 Cor Wagenaar u.a., «Evidence-Based Design for Healing Environments» in A Design Manual – Hospitals, Basel, 2018, S. 37–41.
3 Ulrich wies nach, dass die Aussicht aus dem Zimmer auf eine grüne und natürliche Umgebung die Heilungsdauer der Patienten verkürzte, und dass sie weniger Schmerzmittel einnehmen mussten. Roger S. Ulrich, «View through a window may influence recovery from surgery» in: American Association for the Advancement of Science, 1984.
4 Basel, 2018.

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