Ein Umbau von Bessire Winter, so zeitgemäss wie vergänglich.

Ein Schlafzimmer ist nicht ein Raum, in dem ein Bett steht

Mirjam Kupferschmid, Bessire Winter (Bilder)

Mit dem iMac unter dem Arm für das Abendessen einkaufen, die express gelieferten Druckerpatronen aus dem Briefkasten kramen, dann neben dem Esstisch Platz für den Papierstapel finden. Von einem Tag auf den anderen wurde ab Mitte März 2020 in unseren Wohnungen nicht mehr nur gewohnt, sondern auch gearbeitet. E-Mails schreiben, Haare schneiden, Kinder unterrichten verwoben sich zu einem auf engem Raum stattfindenden Leben und stellten uns vor grosse Herausforderungen.

Jetzt, ein halbes Jahr später, stehen viele Bildschirme wieder an ihrem alten Platz im Büro, und auch das Summen des Druckers im Wohnzimmer wird irgendwann verstummen. Was wir mitnehmen, ist die Erkenntnis, dass viel mehr in Frage gestellt wird als die Funktion der Räume, wenn das Esszimmer plötzlich nicht mehr nur dem Essen dient. Statt uns Möglichkeiten zu eröffnen, schränken viele Wohnungen uns heute ein, wenn sich unsere Lebenssituation verändert.

Wie wollen wir wohnen?

Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten waren auch Céline Bessire und Matthias Winter, als sie 2016 nach Zürich zogen. Sie stellten sich grundlegende Fragen dazu, wie sie Wohnen und Arbeiten für sich gestalten möchten. Was geschieht mit unserem Arbeits- und Wohnraum, wenn wir jeden Bereich unseres Lebens teilen? Welche neuen Formen der Organisation ermöglicht es uns und wo stellt es uns vor Herausforderungen? Ein Blick in die Halle an der Eibenstrasse, die sie selbst umgebaut haben, gibt Antworten. Dabei können wir unsere Annahmen darüber, was Wohnen bedeutet, überprüfen und vielleicht sogar neue Wege entdecken, wie wir Wohnungen planen und nutzen könnten.

Der Eingriff in den Bestand ist klein und präzise: Eine Wand, eine Öffnung, ein Installationskern um eine bestehende Stütze. Die Leichtbauwand teilt die knapp sechzehn Meter lange Halle in zwei fast quadratische Räume. Die Unterteilung ergab sich nicht zuletzt auch aus der rechtlichen Grauzone, in der sich das Projekt befand: In einem Gewerberaum zu wohnen, ist nicht vorgesehen in der Stadt Zürich. Beim Betreten der Halle sieht man auf den ersten Blick nur einen hohen Büroraum, voller Licht, einfach eingerichtet. Auf den zweiten Blick entdeckt man die Fuge in der Wand. Das Dahinter erahnt man nur – es sei denn, die an der Fensterfront platzierte Tapetentür steht gerade offen, um für einen Augenblick die ganze Länge des Raums spürbar zu machen. Der zweite Zugang zum hinteren Bereich führt durch den schmalen Druckerraum und die an dessen Ende verborgene Öffnung. Dort, um eine bestehende Stütze gruppiert, bilden alle notwendigen Installationen das Zentrum des Lebens.

Um die Stütze im hinteren Raum zirkuliert das Leben. Alles in der Halle steht auf leichten Füssen, ist flexibel, schnell zu ändern oder aus dem Weg zu räumen und ermöglicht eine Vielzahl von Nutzungen.
Bild: Bessire Winter

Immer neu aushandeln ...

Während der Umbauphase, aber auch während der zweieinhalb Jahre, in denen das Paar mit seinem neugeborenen Söhnchen an der Eibenstrasse lebte, entwickelte sich das Projekt konstant weiter. Für die Tapetentür entschieden sie sich beim Einzug; die Möbel wurden immer weniger und was von ihnen übrigblieb, konnte jederzeit aus dem Weg geräumt oder umgebaut werden. Der Büroraum am Tag war Kinderschlafzimmer in der Nacht. Die beiden Räume veränderten sich während des Tages, aber auch über die Wochen und Jahre hinweg. Die Themen des Alltags mischten sich, eine programmatische Trennung gab es nicht.

Die extreme Überlagerung der Funktionen ermöglichte eine Vielfalt von Nutzungen. Neben der täglichen Büroarbeit entstand Raum für Filmvorstellungen, Essen und Feste. Weil alles in diesen zwei Räumen stattfand, war das Leben konstant, barg aber durch die Dichte an Ereignissen auch Konfliktpotenzial. Es scheint, als ob der Raum seinen Bewohnern und Bewohnerinnen ebenso viel Flexibilität abverlangte, wie er ihnen zur Verfügung stellte.

Neben der nötigen Anpassungsfähigkeit braucht es auch Mut, so zu leben: Den Mut, sich von Vorstellungen und Ansprüchen, was Wohnen bedeutet, zu lösen, alles miteinander zu teilen und den Raum immer wieder neu in Anspruch zu nehmen. Ist wenig festgelegt, wird unglaublich vieles möglich – aber es gibt auch wenig, an dem man sich festhalten kann.

Umnutzung eines Industrieraums zum Wohnatelier
Bild: Bessire Winter

… und auch wieder loslassen

Bessire Winter wehren sich mit ihrem Projekt erfolgreich gegen die Vorstellung, dass es für jede Funktion einen designierten Raum geben muss, der immer dann leer steht, wenn gerade nicht gegessen oder geschlafen wird.

Schon 1974 stellte Georges Perec in Träume von Räumen fest: «Ein Schlafzimmer ist ein Raum, in dem ein Bett steht; ein Esszimmer ein Raum, in dem ein Tisch und Stühle und häufig ein Geschirrschrank stehen.» Seither hat sich daran wenig geändert, obwohl uns diese Annahme im Erkunden von neuen und nachhaltigen Möglichkeiten zu leben immer wieder zurückhält. Perec fordert unsere Fantasie heraus, indem er dazu aufruft, neue Zusammenhänge für die Wohnung zu denken: Eine Anordnung der Räume nach Sinneswahrnehmungen oder nach einem Sieben-Tage-Rhythmus etwa. Auf konkretere Weise fordern uns auch Bessire Winter mit ihrem Umbau heraus, nachzudenken über Anpassungsfähigkeit, Überlagerung der Funktionen und die Frage, was wir alles miteinander teilen möchten.

Zwei Öffnungen dienen als Zugang zum hinteren Raum. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Eine so unsichtbar wie möglich, ein einfaches  Rechteck eingelassen in die Wand, die andere expressiv und einladend, aber versteckt durch ihre Lage.
Bild: Bessire Winter

Hätten Bessire Winter im März 2020 noch an der Eibenstrasse gewohnt, wäre kaum ein Computerbildschirmherumtragen, Druckereinrichten oder Wohnungumstellen nötig gewesen, weil der Raum diese Veränderung ohne grosse Anstrengung aufgenommen hätte. Heute findet sich in der Halle ein Fotostudio, und auch diese Veränderung scheint selbstverständlich. Die Spuren der Fragen, denen Bessire Winter nachgegangen sind, hängen immer noch in den Räumen an der Eibenstrasse. Von der Nutzung ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. Gerade dieses Auflösen eines Projektes zeigt sein Potenzial, sorgsam mit vorhandener Bausubstanz umzugehen, sie für die eigenen Zwecke zu nutzen – und auch wieder loszulassen.

Hintergründe zum Nachwuchswettbewerb Erstling und zum Juryentscheid und mehr über die Autorin und das Büro Bessire Winter finden sich in der März-Ausgabe «Starke Dörfer» und in unserer Online-Rubrik JAS.

Mirjam Kupferschmid (1995) studierte von 2014 bis 2020 Architektur an der ETH Zürich. Während ihres Studiums sammelte sie Arbeitserfahrungen in Zürich und London und arbeitete als Hilfsassistentin auf der Professur für Landschaftsarchitektur. Seit Oktober 2020 ist sie Junior-Projektleiterin in der Projektentwicklung des Amts für Hochbauten der Stadt Zürich.

Das Büro von Bessire Winter wurde im Jahr 2019 von Céline Bessire (1987) und Matthias Winter (1986) gegründet. Mittlerweile sind sie von Zürich ins solothurnische Feldbrunnen umgezogen. Wir haben im Juni 2020 einen Umbau des Büros in Derendingen (SO) in der Online-Rubrik «Junge Architektur Schweiz» JAS vorgestellt. Nachzulesen hier.

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