Offen für das Unerwartete

Haus für Künstlerinnen und Künstler in London von Apparata

Edwin Heathcote

Im Londoner Osten hat die Bezirksverwaltung ein Haus für Künstlerinnen und Künstler bauen lassen, das mit seiner starken Ausstrahlung und einem Aktionsraum im Erdgeschoss zur Belebung des Quartiers beiträgt. Das offene und flexible Wohnungslayout revolutioniert den britischen Sozialwohnungsbau.

Das letzte Mal, dass Grossbritannien mit seinem Wohnungsbau international Aufmerksamkeit erregte, war in der Epoche des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg: Britische Architekten und Stadtverwaltungen bauten Millionen von Wohnungen im Sinn eines radikalen Experiments im städtischen Wohnungsbau. Ein grosser Teil waren Laubenganghäuser, abgeleitet von Entwürfen Le Corbusiers. Die besten dieser Anlagen, darunter die Entwürfe des London County Council für den Alton Estate in Roehampton (auf dem hügeligen Gelände eines ehemaligen Landhauses), wurden weithin bewundert und haben sich gut gehalten. Andere Beispiele, wie Park Hill in Sheffield oder die Robin Hood Gardens von Alison und Peter Smithson, sind entweder gescheitert und heute zerstört oder wurden radikal verändert.

Manchmal lag es an der Architektur, manchmal an den Formen der Verwaltung und Belegung der Häuser: Jedenfalls wurde der soziale Wohnungsbau immer mehr mit Vernachlässigung, sozialen Problemen, Kriminalität und Armut gleichgesetzt – und mit ihm wurde eine ganze Typologie – das Laubenganghaus aus Beton – verteufelt. Praktisch alles, was seit den frühen Siebzigerjahren im britischen Wohnungsbau geschehen ist, ist eine Reaktion oder eine Antwort auf diese Misserfolge.

Eine wirkliche Überraschung ist es daher, vor einem brandneuen Betonblock mit Laubengängen zu stehen, der erst noch als die beste Neuigkeit im britischen Wohnungsbau gepriesen wird. Und das zu Recht.

Laubengänge sind in Grossbritannien Inbegriff des Sozialwohnungsbaus und haben einen schlechten Ruf. Apparata zeigt, dass sie soziale Kondensatoren sein können.
Bild: David Grandorge

Erschliessung als Lebensraum

Der Entwurf stammt von Apparata, einem von Nicholas Lobo Brennan und Astrid Smitham gegründeten Büro. Eigentümerin und Betreiberin ist die Vereinigung für sozialen Wohnungsbau des Bezirks Barking and Dagenham. Es handelt sich also nicht um ein eigentliches Genossenschaftsprojekt, aber doch um eine sehr flexible Wohnform, wo Gemeinschaft und Geselligkeit im Zentrum steht. Das Haus ist nach den strikten Vorgaben des sozialen Wohnungsbaus geplant – und doch mit dem Anspruch, ein Experiment zu sein und ein Beispiel dafür, wie die Grenzen von knappen Budgets und Flächenvorgaben gesprengt werden können. Es ist ein Amalgam des archetypischen britischen Sozialwohnungsbaus mit einer Erinnerung an das englische Haus mit seiner ausgeprägten Vorder- und Rückseite und schliesslich schweizerischen Einflüssen, die Lobo Brennans Jahre als Praktiker und Dozent an der ETH in Zürich widerspiegeln.

Laubengänge sind in Grossbritannien Inbegriff des Sozialwohnungsbaus und haben einen schlechten Ruf. Apparata zeigt, dass sie soziale Kondensatoren sein können.
Bild: David Grandorge

Das Resultat unterscheidet sich grundlegend vom britischen Standard im sozialen Wohnungsbau mit seinen einseitig ausgerichteten Wohnungen, den unbeleuchteten, engen Innenfluren und der Obsession der Privatsphäre. Hier sind alle Wohnungen über eine Aussentreppe zu erreichen, die den Blick über den Osten der Stadt (und hinaus aufs Land) freigibt, sowie über Erschliessungsgänge, belegt mit schlichten roten Zementplatten. Die Laubengänge selbst sind mit grosser Sorgfalt so konzipiert, dass sie weder zu breit noch zu schmal sind. Nicht genau wie die Streets in the Sky, von denen die Smithsons träumten, eher wie Patios, die den Bewohnern Aneignung ermöglichen und Platz für Pflanzen und Möbel bieten, statt rein funktionale Flucht- oder Erschliessungswege zu sein.

Lobo Brennan beschreibt sie als eine Art Pavillons oder Säulenhallen, traditionelle Modelle für Geselligkeit und öffentliche Räume: «Die Mieter sagen, das Gebäude selbst, insbesondere die Zugangswege, hätte ihnen geholfen, eine Gemeinschaft zu etablieren.» Die raumhohen Fenster der Wohnungen lassen sich vollständig öffnen, sodass Innen und Aussen ineinanderfliessen; dann verwandelt sich die Fensterbrüstung in eine Sitzbank oder einen Tisch, und die Wohnung wächst im Sommer nach aussen, wobei die Grenzen fliessend und die Unterscheidung zwischen Architektur und Möbeln verwischt werden.

Der kleine Hof im 3. Obergeschoss kann
von verschiedenen Wohnungen aus genutzt werden. Wie auf den Laubengängen überlagern sich hier die Möglichkeiten der Inbeschlagnahme; Interaktion ist Programm.
Bild: Ståle Eriksen

Offen für veränderte Lebenslagen

Im Inneren konzentrieren sich die Wohnungen auf einen grosszügigen Wohnraum mit einer rohen Betondecke und einer äusserst flexiblen Einteilung. Sogar die Küche kann mit minimalen Eingriffen verschoben werden. Eine ganze Reihe möglicher Layouts stellt sicher, dass sich die Wohnungen an veränderte Lebensgewohnheiten anpassen lassen. Das Grundlayout basiert auf einem Raster, bei dem sich die Privatsphäre von vorn nach hinten zunehmend verdichtet, vom offenen Wohnraum über Küche und Bad bis zu den Schlafzimmern am Ende. Das ist etwas ganz anderes als der überfüllte traditionelle britische Wohnungsgrundriss.

Die Fenster sind riesig, auf der Vorder- wie auf der Rückseite, die Innenräume sind lichtdurchflutet, und man hat einen weiten Blick über die etwas seltsame Stadtlandschaft in raschem Wandel, gefiltert durch den Säulengang der Erschliessung. Auf einem Geschoss ermöglichen es Flügeltüren grundsätzlich, alle drei Wohnungen zu einer einzigen grossen Enfilade zu verbinden. Britische Sozialwohnungen sind bis heute kaum darauf ausgerichtet, etwas anderes als die traditionelle Kernfamilie zu beherbergen. Schwierigkeiten ergeben sich bei weniger konventionellen Beziehungsformen oder bei erweiterten Familien. Mit diesem Geschoss haben die Architekturschaffenden versucht, ein funktionierendes Modell für eine neue Art von Flexibilität zu entwickeln.

Parallel zum Laubengang lassen sich die Wohnungen zusammenschalten – vorerst exemplarisch auf nur einem Geschoss. Bild: Ståle Eriksen

Ein Beitrag an die Öffentlichkeit

Die Bewohner profitieren von einer reduzierten Miete, die am unteren Ende der Skala für Sozialwohnungen liegt (65 % der örtlichen Durchschnittsmiete), dafür verpflichten sie sich im Mietvertrag, an der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen im Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss mitzuwirken. Sie werden sozusagen zu dessen Betreibern und Hausmeisterinnen. Dies ist ein bewusster Versuch, die Mieterschaft durch Aufgaben und Aktivitäten zusammenzubringen, sie in das Gemeinschaftsleben des Viertels einzubinden, sie aber auch untereinander zu Kooperation und Zusammenarbeit einzuladen. Sie gestalten dadurch das kulturelle Leben in der Nachbarschaft aktiv mit, anstatt passiv zu konsumieren. Der Entwurf des Gebäudes und diese Vertragsklausel geben ihnen die Möglichkeit, ihre Lebensbedingungen selbst zu bestimmen, ohne damit den inflationären Druck auf den lokalen Wohnungsmarkt zu verstärken.

Der Gemeinschaftsraum wird derzeit von den Bewohnerinnen und Bewohnern eingerichtet, um das Programm zu ermöglichen, das sie miteinander geplant haben. Er kann sich entsprechend den Anforderungen nach mehr oder weniger Privatsphäre verändern und neue Einrichtungen wie einen Keramik- Brennofen oder eine Küchenzeile aufnehmen. Apparata hatte ihn als leeren, aber flexiblen Raum konzipiert, der sich nach den Bedürfnissen seiner Nutzer verändern lässt.

Der Raum im Erdgeschoss soll durch die Bewohnenden bespielt werden und damit eine wichtige soziale Funktion im Quartier erhalten. Noch wartet er auf seine Programmierung. Bild: Ståle Eriksen

Kraftvoll im Ausdruck

Das Gebäude soll in der Stadt seine Präsenz entfalten. Seine Betonstruktur aus Stützen und Balken vermittelt einen Eindruck von Tektonik, aber das sorgfältig geplante Fugenbild der Betonschalung greift auch Elemente benachbarter Betonbauten mit ihrer Plattenbau-Ästhetik auf, damit unterscheidet es sich sehr deutlich von der mittlerweile universellen Sprache der dünnen Londoner Backsteinverkleidungen. Die wirkungsvolle urbane Ausstrahlung verstärken die geometrischen Grundformen von Kreis und Dreieck an den Ecken des Gebäudes. Sie strahlen aus dem Block heraus und sind die Visitenkarte des Gebäudes.

Irgendwie erinnert das Gebäude an die brutalistischen Wohnbauten der 1950er und 1960er Jahre, bei denen der Beton sowohl die Struktur als auch die äussere Oberfläche bildete. Es hebt sich ab von einer Generation britischer Wohnhäuser mit ihren charakteristischen hauchdünnen Verkleidungen. In den letzten Jahren waren dies Backsteinriemchen als Schutz gegen Regen – früher die bunten Brit-Pop-Paneele –, von denen es in dieser Gegend noch zahlreiche Beispiele gibt.

Die Erinnerung an das Feuer im Grenfell Tower im Jahr 2017, bei dem 72 Menschen starben und das durch die brennbare Dämmung und fehlende Fluchtwege so verheerend wirkte, ist nach wie vor ein Trauma für den britischen Wohnungsbau. Das Gebäude aus den 1970er Jahren steht immer noch wie ein Grabstein da und verkörpert schlechte Planung, unzureichende Vorschriften und minderwertige Materialien. Apparatas Haus für Künstler zeigt eine alternative Zukunft: ein ernsthaftes, glaubwürdiges Modell für eine neue Art des sozialen Wohnungsbaus.

Eine schroffe Betonsprache zeigt das Eigene – aber auch die Bedeutung für das Quartier, die dem Bau zugeschrieben wird. Bild: Johan Dehlin

Edwin Heathcote (1968) ist Architekturkritiker der Financial Times und Autor zahlreicher Bücher sowie Gründer und Herausgeber des gemeinnützigen Online-Schreibarchivs readingdesign.org

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