Das Potenzial der Unschärfe

HHF Architekten

Mit Tilo Herlach, Simon Hartmann und Simon Frommenwiler sprachen Andreas Ruby und Caspar Schärer

Bereits bei der Gründung des Basler Büros HHF war klar, dass Tilo Herlach, Simon Hartmann und Simon Frommenwiler die Auseinandersetzung mit anderen Baukulturen suchen. Mittlerweile haben sie in China, den USA und Frankreich gebaut – und demnächst in Montenegro.

Das sozialistische Kulturzentrum Dom Revolucije von Marko Mušič wurde nach Baubeginn 1978 nie fertiggestellt. Sanierung und Wiederbelebung umfassen neue Einbauten genauso wie Teile, die nicht berührt werden.

Andreas Ruby Als Schweizer Architekt ist es immer mit Nachteilen verbunden, im Ausland zu bauen – organisatorisch und finanziell. Warum tut ihr euch das an?
Simon Hartmann Weil es immer interessant ist, an einem anderen Ort etwas zu machen als an demjenigen, den man gut kennt. Damit nehmen wir in Kauf, dass wir weniger verdienen und dass es komplizierter ist. Gleichzeitig ist das Kompliziertere ja auch ein Mehr an Auseinandersetzung.
Simon Frommenwiler Wir erklärten schon bei der Grüdung des Büros die Absicht, von Anfang an im Ausland Projekte zu machen.
Caspar Schärer Warum? Gab es zu jenem Zeitpunkt bereits Vorstellungen davon, in welchem geografischen Raum ihr euch bewegen wollt?
Frommenwiler Nein. Zentrales Thema bei uns ist die Zusammenarbeit mit Partnern und Kollegen an anderen Orten. Wir glauben nicht an die eine geniale Idee, sondern möchten mit unterschiedlichen Autoren gemeinsam etwas entwickeln.
Ruby Gibt es eine Sternstunden-Erfahrung, eine Konfrontation mit einem Kontext, den man nicht kennt, wo alle Routinen ausser Kraft gesetzt sind?
Tilo Herlach Diesen Moment gab es für uns alle drei in Jinhua in China, als wir unsere erste gemeinsame Reise wegen eines Projektes unternahmen. Die kulturellen Erfahrungen unterschieden sich in fast allem, was wir von zu Hause her kannten. Trotzdem gab es viele Anknüpfungspunkte: Dinge, die uns vertraut vorkamen, die uns aber eigentlich ganz fremd anmuteten.
Hartmann Wir lernten den Beruf des Architekten mit unseren internationalen Projekten anders kennen. Das spüren wir noch heute, wenn wir uns mit Kollegen unterhalten, die relativ locker grosse Projekte abwickeln können. Der grosse Wohnungsbauzirkus in der Schweiz hat für uns keine Bedeutung. Wir teilen die Ansicht nicht, dass der Wohnungsbau in den Aussenquartieren Zürichs das Grösste ist, was die Schweizer Architektur in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat.
Herlach Mit unseren Erfahrungen im Ausland hinterfragen wir mehr und stärker die Dinge, welche die Baukultur um uns herum als gegebene Grössen vorsieht. Beim Projekt in Poissy bei Paris fühlte ich mich trotz der französischen Baukultur heimischer, während mir in der Schweiz etwa institutionelle Anleger als Bauherren in ihrer Denkweise so fremd sind, dass ich sie manchmal nicht nachvollziehen kann. Wir haben gelernt, mit einer gewissen Unschärfe zu arbeiten.
Frommenwiler In Jinhua haben wir uns sehr früh auf die geometrischen Aspekte konzentriert und vor allem das Problem, wie wir diese kommunizieren können. Diese Schwierigkeiten führten zu einer Strategie, die Teil des Entwurfes wurde. Entstanden sind nicht perfekte Detailpläne, sondern Anleitungen – Wege, wie man ans Ziel kommt.
Hartmann Wir mussten aber feststellen, dass uns die Übertragung dieses «geometrischen» Ansatzes in Wettbewerben in der Schweiz nicht so gut gelingt. Oft heisst es dann im Jurybericht, dass unsere Projekte «unflexibel» seien. Wenn wir dann doch mal gewinnen, werden die meisten Projekte genauso gebaut. Das sind Muster, die wir direkt nach Jinhua zurückverfolgen können.
Schärer Offensichtlich ist der Pavillon der ideale Typ, um international mit Architektur zu «kommunizieren». Es fehlt ihm der Ballast der kulturspezifischen Nutzung wie etwa das Wohnen oder die Schule.
Hartmann Vor allem ist der Pavillon ein internationales Thema. Für Pavillons interessieren sich auch französische, englische oder amerikanische Kollegen.
Frommenwiler Sowohl in China wie auch an der Ruta del Peregrino in Mexiko machten die kraftvolle Struktur und direkte Konstruktion das Gebäude aus. Wir haben daraus gelernt, dass wir uns auf die Dinge konzentrieren, von denen wir einigermassen sicher sind, dass wir sie kontrollieren können.
Schärer Abgesehen von China, Mexiko, Brasilien, Frankreich und Deutschland seid ihr seit einigen Jahren auch auf dem Balkan aktiv – einer Region in Europa, von der man sonst nicht viel Architektonisches hört. Wie sieht dort euer Engagement aus?
Hartmann Es fing damit an, dass ich von Andreas Ruby eingeladen wurde, einen Buchbeitrag zu verfassen für ein Buch über das slowenische Architekturbüro Sadar Vuga. Daraus entstand eine dauerhafte Freundschaft mit Bostjan Vuga. Von da an ging es schnell und ich fand mich in einem weit verzweigten «Balkan-Netzwerk» wieder, in dem ich hervorragend ausgebildete und hart arbeitende Leute kennenlernte, die für 500 Euro pro Monat Kultur schaffen.
Schärer Habt ihr inzwischen Bauprojekte in dem Raum?
Hartmann Ich bewundere die jugoslawische Nachkriegsarchitektur, die in ihrer Breite und Tiefe einzigartig ist in Europa. Sie war eine echte Hochkultur und wurde an den Schulen gelehrt. Vom Umgang mit halbprivaten Räumen könnten wir in Mitteleuropa ganz viel lernen, und auch den Typus des Kulturhauses, der in Jugoslawien weit verbreitet ist, kennen wir in dieser Art nicht. Für eines der grössten dieser Art, das Dom Revolucije in Nikšic, Montenegro, wurde ein Wettbewerb für den Umbau ausgeschrieben. Das Problem ist enorm: Mitten in der kleinen Stadt steht dieser Gebäudeberg, der nie vollendet wurde und der gar nicht mehr fertigstellbar ist. Unser Vorschlag war sehr einfach: Wir belassen siebzig Prozent der Struktur so wie sie ist; man kann sie weder weiterbauen noch abreissen. Dreissig Prozent werden neu programmiert, und lediglich ein Drittel davon sind Neubaumassnahmen. Diesen Wettbewerb konnten wir gewinnen und wir gehen davon aus, dass noch 2017 die Arbeiten beginnen.
Ruby Habt ihr das Gefühl, dass ihr einseitig von der Fremde profitiert, oder könnt ihr dort etwas produzieren, das der Ort selber nicht könnte?
Hartmann Es ist wohl allen klar, dass wir nicht dorthin gehen des Geldes wegen. Das sind keine «normalen» Projekte und deshalb haben wir durch diese Distanzierung einen klareren, sozusagen «kälteren» Blick auf das Ganze. Für uns stellt sich weniger die Frage nach Investment und «Ernte», sondern danach, was wir jetzt, in diesem Moment leisten können. In einem solchen Fall schaufeln wir uns halt eine Woche frei und geben alles; danach übernehmen andere.

Weitere Auszüge des Gesprächs sind in der Ausstellung In Land Aus Land. Swiss Architects Abroad im Schweizerischen Architekturmuseum S AM in Basel zu sehen.

Poissy Galore umfasst in einem durch Agence TER neu angelegten Landschaftspark nordwestlich von Paris mehrere Gebäude: ein Besucherzentrum mit Museum und eine Plattform zur Beobachtung
der dortigen Tierwelt.

Simon Frommenwiler (1972), Simon Hartmann (1974) und Tilo Herlach (1972) gründeten 2003 das Büro HHF in Basel.

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