Aldo Duelli, Chur

Alltägliches anders verstehen

Das Haus, das Aldo Duelli (1976) hier vorstellt, ist sein Erstlingswerk. Der für JAS eigentlich zu alte Architekt hat sehr lange bei Valerio Olgiati gearbeitet und legt nun mit der Verdoppelung eines Einfamilienhauses ein Werk vor, das «jung» und reif ist zugleich.

Was ist Deine Herkunft?

Ich habe sieben Semester an der ETH Zürich und ein Semester an der Accademia in Mendrisio Architektur studiert und an beiden Schulen etwa gleich viel gelernt. Interessanter waren für mich die Jahre danach im Büro von Valerio Olgiati. Seit 2014 arbeite ich als selbstständiger Architekt. Mein Büro heisst Notaton.

Was ist Dir wichtig im Denken und Entwerfen?

Zufälligerweise lese ich zurzeit ein Buch von Peter Märkli. Es ist überschrieben mit dem Beginn einer Behauptung Flauberts: «Jede Erfindung ist richtig». Dies gefällt mir gut.

Ich will Gebäude entwerfen, die in ihrer Form spezifisch und gleichzeitig universell sind, d.h. sie sollen auf die Gegebenheiten reagieren und gleichzeitig die universellen Erfahrungen, die Instinkte oder Emotionen der Menschen anregen – dadurch wird fast jedes Gebäude zu einer Erfindung. Gebäude haben das Potenzial, eine «eigene Welt» zu kreieren. Diese muss «erfunden» und entwickelt werden. Statische, räumliche, funktionale oder andere Ordnungssysteme sind dafür mögliche Generatoren, ebenso Formen, Farben, Materialien, Atmosphären und natürlich der Bezug zur Aussenwelt. Wie stark in einem Gebäude diese «Eigenwelt» spürbar und mit welchen Mitteln sie erzeugt werden soll, klärt sich im Gespräch mit der Bauherrschaft oder während der Arbeit.

Noch besser als Flauberts Zitat gefällt mir ein Satz von Mario Vargas Llosa. Er hängt in meinem Büro, oft überstellt mit Papier …, doch er soll immer präsent sein: «Das Leben hat viel mehr zu bieten als den Alltag». Wir sollten Neues denken und Neues ausprobieren.

Wenn ich aus einem Fenster schaue und einen Neubau sehe, denke ich oft: Es darf nicht wahr sein – wie erbärmlich und traurig! Es ist schade, wie oft und schnell sich unsere Träume und Wünsche der vermeintlichen Realität angleichen. Menschen gewöhnen sich an Gutes und Schlechtes. Darum sollte man vorsichtig sein. Es geht schnell bergab.

Wie zeigen sich diese Aspekte konkret in einem von Dir ausgewählten Projekt?

Das Gebäude in Liestal liegt in einem Quartier an einem Südhang. Das Stereotyp an einem solchen Ort ist ein auf die Aussicht fokussiertes Haus mit vorgelagerter Terrasse.

Beim nun gebauten Haus gibt es eine allseitig leicht erhöhte, quadratische Plattform als Wohnraum. Dieser Raum steht zu Berg- und Talseite in gleichem Bezug; geometrisch und topografisch losgelöst und dadurch etwas entrückt und erhaben, «mitten drin» und gleichzeitig «beobachtend». Die runde Stütze in Plattformmitte verstärkt die Idee eines Zentralraumes – ein orientalischer Ansatz der Raumgestaltung und ein sehr urtümlicher. Ein dreisternförmiger Unterzug liegt auf der runden Stütze auf und trägt die Hauptlast der Decke. Er bildet geometrisch einen Übergang vom abstrakten Quadrat zur völlig freien, mehreckigen Dachform. Einige freistehende Wandscheiben stehen auf der quadratischen Plattform, sie reduzieren den Glasanteil und zonieren den Wohnraum und die Plattform, wie es dem gewünschten Raumgefühl der Bauherrschaft entspricht. Das Ergebnis ist ein ziemlich komplexer Raum; teilweise sind die quadratische Bodenfläche und die Idee des Zentralraumes dominant, teilweise definieren ihn die frei gesetzten Wandscheiben oder das mehreckige Dach. Panorama, Nachbarschaft und Garten sind in diesem Raum immer präsent. Die Schlaf- und Arbeitszimmer liegen in einem muralen Trakt. Die sichtbare Mauerdicke beträgt bei Innen- und Aussenwänden 50 cm. Diese Räume sind eher introvertiert. Sie sind teilweise sehr frei und teilweise absolut symmetrisch entworfen. Das Schlafzimmer hat symmetrische Öffnungen Richtung Ost und West und einen Bezug zum grossen Mammutbaum im Garten – wie auch der Wohnraum.

Das Gebäude erfüllt die wichtigen Bedürfnisse und Wünsche der Bewohner. Es ist ein Gebäude für den Alltag und gleichzeitig – so hoffe ich – ein Gebäude für ein anderes Leben, ein anderes Verständnis von Nachbarschaft, Ortsbezug und Dasein, für ein anderes Verständnis des Alltäglichen.

Haus am Hang, Liestal

Aldo Duelli, Chur

www.notaton.ch

Haus mit zwei Wohnungen

Bauherrschaft: privat; Architektur: Aldo Duelli/Notaton, Chur; Bauleitung: werkpol AG, Liestal; Bauzeit: 2017–2018; Chronologie: Direktauftrag an Schaerer Mattle Architekten, Planung und Ausführung als Subplaner durch Aldo Duelli/Notaton; Fotos: Lucas Peters, Zürich

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